Die beiden Künstler Matthias Bitzer und Dominik Halmer verbindet die Leidenschaft für die Schaffung multidisziplinärer Arbeiten. Für ihre Duoshow verwandeln sie die Galerie in einen geistigen Erfahrungsraum aus Malerei, Skulptur, Wandzeichnung, Text, Icons und OpArtMustern.
Wenn zwei markante Bildsprachen aufeinandertreffen, entsteht ein Raum neuer Resonanzen – Im Interview mit den Künstlern Dominik Halmer und Matthias Bitzer über die Hintergründe, Parallelen und Kontraste ihrer Dialogausstellung „Specht und Beton im Polygon“
Lieber Dominik und lieber Matthias, wir freuen uns sehr, dass ihr euch zusammengefunden habt, um in unseren Galerieräumen eine dialogische Show zu kreieren. „Specht und Beton im Polygon“ ist ein Ausstellungstitel, der in seiner Formulierung allerlei Widersinniges in einem zugleich versöhnlich klingenden Reim vereint. Welche Symbolik verknüpft ihr mit diesem Titel? Und warum findet die Begegnung des Gegensatzpaars im Polygon statt?
Dominik Halmer: Der Titel ist ein Gedicht von Matthias, und ich finde alle drei Begriffe darin bieten sich zur poetischen Aufladung an. Der „Specht“ dabei kommt aus einer Arbeit von mir. Ich mag den Specht als fabelartiges Wesen. Der ist einer, der schaut, was darunter liegt. „Beton“ ist in unserem Zusammenhang kein etwa negativ vorbelasteter Gegensatz. Ich sehe darin vor allem den Werkstoff, das Wasser-Sand-Gemisch, das die Eigenschaft hat, fest zu werden und mit dem man etwas bauen kann.
Zwischen den Dingen und Begriffen entstehen dann assoziative Verbindungen und kleine Erzählungen, die nicht planbar sind. Darin wird der große Spaß liegen, wenn wir die Installation aufbauen – ein betretbares Sinngebilde aus Einzelwesen, das Fehlzündungen im Gehirn auslöst, die süchtig machen.
Matthias Bitzer: Der Titel vereint einige Elemente der Ausstellung und deren Gegensätzlichkeit in Raum und Reim. Dabei verweist er auch auf das menschliche Grundbedürfnis des Höhlenbaus – also nach Sicherheit und Geborgenheit. Inhärent ist die Schwierigkeit dieses Unterfangens – nämlich die Bewältigung des Daseins in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, eine tragfähige Vision der Zukunft zu entwickeln. Der Beton wird Stein, der Specht wird Sisyphus und die Welt bleibt Berg. Symbol und Poesie spielen in unseren Werken eine zentrale Rolle. Bei mir dauert die Titelfindung manchmal länger als die Schaffung des Werks. Ein Titel ist immer ein Hinweis. Der humoristische Unterton dabei ist durchaus gewollt.
Matthias, als Auftakt planst du eine 15m lange über die Wand unserer gesamten dreiAusstellungsräume sich erstreckende Grundform aus schwarz-weißen Blockstreifen mit grafischem Kopf und offenem Maul. Was wird auf dieser Parade passieren?
Matthias Bitzer:Ja, da ist alles möglich. Es wird eine Installation, die verschiedene Werke zusammenschnürt. Darunter sind Malereien, Zeichnungen, Klapp-Bilder mit dahinterliegenden Spiegeln, Schubern, Stapeln, Wandmalereien und skulpturale Elemente. Die Grundform, ich nenne sie Happy Eddies, ist eine Art Trägerkonstruktion, die sich der Architektur des Raums anschmiegt und auf der die verschiedenen Arbeiten in Beziehung zueinander gesetzt werden können.
Ein Gehäuse, eine Art geistiger Faden sozusagen, an dem entlang sich eine Erzählung aufreiht. Schnabel und Schwanz dienen in diesem Konstrukt als Satzzeichen. Vieles entsteht erst vor Ort in der Auseinandersetzung mit dem Raum. Ich arbeite nicht gern mit Modellen, weil sich die menschliche Wahrnehmung – in meinen Augen zumindest – im künstlerischen Bereich nicht simulieren lässt. Die finale Kompilation wird sich also erst zur Eröffnung der Ausstellung finden.
Es hat sich über die Jahre ein weitläufiges Repertoire an Möglichkeiten entwickelt, das es zulässt zu improvisieren und mit dem ich auf die unerwarteten Erkenntnisse während der Installation reagieren kann. Bei dieser Ausstellung wollen Dominik und ich versuchen, beide Positionen in diesem Gefilde zusammenzubringen.
Dominik, auch du kreierst Irritationen in der klassischen Rezeption von Bild und Raum. Bekannt bist du für deine widerständigen Arbeiten, indem du die klassische Malerei mit dem dreidimensionalen Objekt verbindest, auch seit den Vorläufern der amerkanischen Malerei der 60er Jahre „shaped canvas“ genannt. Wo endet für dich das Bild und wo beginnt die Skulptur?
Dominik Halmer: Unter einem Bild wird oft etwas rechtwinkliges Flaches, das an den Wand hängt verstanden. Meine Idee von Bild ist weiter gefasst und bezeichnet ein Prinzip von Zusammengehörigkeit, das in annähender Gleichzeitigkeit sichtbar wird. Es ist dieses Prinzip, das den Rahmen, die Grenzen des Bildes bestimmt. Damit ist das rechtwinklige Tafelbild nur eine mögliche Form, eine Einheit zu schaffen.
Damit bleibt es aber auch in einer gewissen Gemütlichkeit verhaftet – einer Form, die sich formal leicht eingliedern lässt und irgendwie praktisch ist. Mich interessiert eine Bildform, die eine physische Präsenz unterstreicht. Ein Bild, das vom Gefühl her genauso im Raum ist, wie die anderen Dinge und Objekte. Gleichzeitig soll das gesamte Potential, die Nuanciertheit aller bildsprachlichen Mittel zum Einsatz kommen können.
Das ist dann so komplex und unüberblickbar, dass die dritte Dimension bei gleichem Anspruch eine völlige Überforderung bedeuten würde. Ein Nervenzusammenbruch.
Dominik, deine abgebildete Arbeit auf unserer Einladungskarte trägt den Titel „Wunsch“. Versteckt sich ein Begehren zwischen den komplementären Formen in ockergelb und signalorange?
Dominik Halmer: Die zwei gebogenen Flächen sind aus einer anderen bildsprachlichen Welt ins Bild „eingespannt“ oder „eingezwungen“. Dabei akzeptieren und widersprechen sie der zentralperspektivisch angelegten Illusion gleichzeitig.Der Titel „Wunsch“ verweist auf die Energie, durch die wir Unzusammenhängendes und Widersprüchliches als kohärente Einheit zu akzeptieren bereit sind. Eine Spannung, die wir täglich selbst erzeugen und aushalten.
Zusätzlich sollte in dem Bild auch der Keim für eine Erzählung angelegt sein. Es ist der Urmoment eines Prozesses, in dem eine Art Verwandlung – etwa von Glitterpunkt zu Tropfen – stattfindet und in der schwebenden Linie eine Geste der Bewegung. Und wenn man dem Bild wiederholt ausgesetzt ist, vielleicht wird es vom Objekt zum Wesen, das einen beäugt.
Matthias, dein Postkartenmotiv mit dem Titel “my love is still untold“ erscheint als ein Werk, das – wie viele deiner Arbeiten – Rätsel aufwirft. Es möchte erzählt werden, verbirgt aber sein Inneres. Äußerlich stilistisch wie materiell ein Werk der Konkreten Kunst, schiebt sich aus seinem Spalt die Andeutung einer in zarten Farbschattierungen angelegten Malerei. Ein pulsierendes Lebenszeichen?
Matthias Bitzer: Ja, definitiv. In diesem Betonblock steckt noch Leben. Ihren Ursprung fand diese Arbeit, wie so oft, im Scheitern. Eine misslungene Zeichnung, mehrmals überzeichnet und übermalt, dann den Rahmen mit Farbe vollgeschüttet, von Aussen nochmals übermalt, um ihn dann einzubetonieren. Eine Erinnerung an etwas Unvollendetes. – Ein unscharfer Bereich – Dieser Begriff ist in meinem Werk ausschlaggebend.
Ich glaube, dass dieser „unscharfe Bereich“ die Schnittstelle zwischen Erschaffer und Betrachter ist. Die glaubhafte Reminiszenz an eine eigene Erfahrung und die Möglichkeit für einen Außenstehenden, sich damit zu identifizieren.
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Matthias Bitzer (*1975 i. Stuttgart) bezieht seine Inspiration aus Kunstgeschichte, Philosophie und Literatur. Einige Arbeiten öffnen sich physisch, um verborgene Schichten freizulegen, und laden den Betrachter zur Interaktion ein. Sie evozieren Erinnerungen und kulturelle Echos und bieten inmitten des heute rasanten Bilderkonsums einen seltenen Raum für Innehalten und Reflexion.
Dominik Halmer (*1978 in München) löst sich mit seinen geformten Bildern vom klassischen Tafelbild und reflektiert zugleich dessen Bedingungen der Sichtbarkeit. Der Bildträger erscheint in perspektivischer Verzerrung und unterläuft jede räumliche Stabilität. Schwebende Linien, Tropfen und materielle Spuren erzeugen widersprüchliche Illusionsebenen und stellen die Vorstellung einer eindeutigen Realität infrage.
Mit dem dichterischen Wortlaut des Ausstellungstitels SPECHT UND BETON IM POLYGON verbindet sich das künstlerische Anliegen, vermeintlich Unvereinbares aus Natur und Forschung, Kultur und Politik, Körper und Psyche, Du und Ich als ein – zumindest für den Augenblick – symbiotisches wie funktionales Gefüge zu erleben.